Donnerstag, 12. August 2010
Vielleicht
Ein Vielleicht ist immer sicher.
Und wenn in ihm kein Fortgang liegt,
so sprach es doch von Sehnsucht
und von all dem, was hätte sein können.

Vielleicht werden wir uns verletzen.
Vielleicht wird unser Schweigen so nichtssagend sein,
dass es unseren Seelen schmerzt.
Vielleicht sehen und hören wir uns nicht wirklich.

Doch die Sehnsucht liegt nur in diesem Vielleicht.
Nicht in einem Ja.
Und nicht in einem Nein.
Vielleicht.

Vielleicht wird unsere Nähe so bodenlos,
dass wir in Abgründe fallen, die uns dem Leben näher bringen.
Vielleicht finden wir in der Wärme füreinander
ein Zuhause, in dem wir gerne wohnen.

Doch ein Vielleicht ist kein Versprechen
und soll es niemals sein.

Ein Vielleicht ist nur der Beginn von etwas, was sein könnte.

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Der Traum
I.

Wolken jagen über den Himmel. Grau senkt sich die Dunkelheit über den Wald. In der Ferne ein Donnergrollen. Das Raunen der fast blattlosen Bäume lässt die sich auf uns senkende Nacht bedrohlich wirken.

Nackt liegen wir da. Wir haben uns geliebt. Am Schweiß haften braune Blätter. Der stärker werdende Wind lässt uns frieren. Das Schweigen schmerzt. Fragend hebt sich meine Hand wie einen Schatten. Ich berühre deine Brust, deine Haut ist kalt. Gerne würde ich dich wärmen, doch das Schweigen ist eine Grenze, über die ich nicht gehen kann. Mein Herz zieht sich zusammen, wird heiß.

Deine Stimme hebt sich wie ein Flüstern gegen den Wind.

„Ich habe einen Platz, zu dem ich gehe, wenn ich Angst davor habe, verletzt zu werden.“ Dein Blick senkt sich in meine Augen. Blau in blau. Sehnsüchtig und schwer.

Ich nicke sanft.

„Ich nenne ihn mein Schneckenhaus. Dort bin ich sicher.“ Das Blau wird leer. Ich verliere den Blick, der in den nunmehr dunklen Himmel starrt. Die Wolken haben sich zu schwarzen Gebirgen aufgetürmt. Der Donner kommt näher, laut peitscht der Wind. Die Schatten der winkenden Äste wandern über unsere Seelen.

„Doch es ist so kalt dort.“ Ein donnernder Blitz taucht uns in grelles Licht. Die Schatten werden für den Bruchteil einer Sekunde aufgehoben. Tränen auf deinen Wangen.

Du drehst dich von mir weg, ich verliere die Verbindung. Die Arme um mich schlingend kriecht die Kälte mir unter die Haut, direkt in mein Herz.

Schwere Tropfen fallen. Der Wind peitscht das stärker werdende Wasser auf meinen Leib, der schutzlos ausgeliefert ist. Ich spüre den Schmerz nicht und schließe die Augen. Blätter decken mich zu. Ich falle in tiefen, traumlosen Schlaf.


II.

Ich erwache. Der Sturm hat sich verzogen. Noch ehe ich die Augen öffne weiß ich, dass du nicht mehr da bist. Ich erhebe mich und mache mich auf die Suche. Tastend bahne ich mich durch die Dunkelheit. Wo bist du?

In der Ferne ein dumpfes Licht. Ich werde schneller, fange an zu laufen. Dornen ritzen meine nackte Haut. Meine Sehnsucht treibt mich, will dich finden. Ich habe die Orientierung verloren, bleibe stehen und lausche. Raschelnde Tiere im Gestrüpp, mein wilder Atem. Ansonsten völlige Ruhe. Erschöpft schlinge ich die Arme um meinen Körper, kauere mich nieder. Verzweifelt irren meine Blicke umher. Ich kann das Licht nicht mehr sehen. Wohin soll ich gehen?

Plötzlich wieder Kraft, die Energie der Hoffnungslosigkeit treibt mich weiter. Meine Fußsohlen tappen wund über den Waldboden. Steine, Geäst und Dornen. Feuchter Schlamm zwischen meinen Zehen. Plötzlich das Licht, näher als zuvor. Dort werde ich dich finden.

Von weitem sehe ich ein Haus. Eine Fackel zeigt den Weg. Die Ränder des Daches berühren fast den Boden. Ich bahne mir keuchend einen Weg. Falle. Stehe wieder auf. Laufe weiter.


III.

Vor der Fackel bleibe ich stehen. Im Schein der Flammen schaue ich mich an. Schlamm überall. Kratzer und Wunden. Rote Blutperlen laufen hinab. Der Schmerz aber ist nur in meinem Herzen. Mein Blick folgt den Spuren am Boden. Ich folge ihnen und stehe vor der Tür. Ich will sie öffnen, sie hat keine Klinke, nur ein Schlüsselloch. Sie bewegt sich nicht. Ich klopfe.

Keine Reaktion. Mein Ohr am Holz lauscht. Ich höre nichts. Mit der Faust schlage ich auf die Tür ein. Endlich mit beiden Fäusten. Wut kriecht in meinen Kopf. Von Sinnen fange ich an zu schreien, bis ich heiser bin. Laute entweichen meiner Kehle, die an ein waidwundes Tier erinnern. Die Wut geht. Schluchzend breche ich zusammen, doch ich habe keine Tränen.

Dann Stille. Benommen, mit wunden Händen bahne ich mir einen Weg um das Haus. Da. Ein Fenster. Ich muss auf die Knie gehen um hinein zu schauen. Zusammengesunken sitzt du da. Meine Anwesenheit spürend hebst du den Kopf. Unsere Blicke treffen sich. Ich lege meine Hände auf das kühle Glas.

Lange Zeit vergeht bis du dich erhebst und mir gegenüber trittst. Dein Mund formt Worte, die ich nicht verstehen kann. Kein Laut trifft meine Ohren. Ich schüttele den Kopf. Du schweigst und gehst auf die Knie. Deine Hände heben sich und legen sich auf die Scheibe. Ich kann deine Wärme spüren. Nah und doch so fern. Unsere Augen versinken ineinander. Kurz habe ich das Gefühl, dass ich dich erreiche.

Lautlos formt mein Mund: „Ich kann den Schlüssel nicht finden.“

Dein Blick wird traurig und leer. „Ich habe ihn verloren“, lese ich von deinen Lippen ab. Deine Hände verlassen mich. Du wendest dich ab und sinkst wieder zusammen.

Lange schaue ich dich an. Wie tot liegst du da. Endlich wende ich mich ab. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und heule wie eine Wölfin. Mein Herz krampft sich zusammen, wird kalt und zerspringt in tausend Stücke. Tränen vermischen sich mit Blut.

Ein neues Leben hat begonnen…

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Die Kunst des Suchens
Du ziehst durch die völlig belebten, aber sinnleere Straßen. Allein.
Die hohlen Worte, die dein Ohr erreichen, aber nicht dein Herz. Allein.
Der musternde Blick dort vorne, der an dir hängen bleibt und den du wie Lotus an dir abperlen lässt. Allein.
Die harten und lauten Worte, völlig fehl am Platz, unangebracht. Allein.
Taktisch traktierende Worte, gepackt in Zuckerwatte. Allein.

Das Lachen des Kindes entzückt dich, dringt in dein Herz. Allein.
Der süße Duft von Erdbeeren, gepaart mit Sonne und Salz. Allein.
Die sanfte Melodie, die vom Nachbarbalkon herüber weht, mich aber weiter nicht berührt. Allein.
Die Sehnsucht nach Leben, die man in einigen Augen sehen kann, wenn sie vorbeiziehen. Allein.
Die Ahnung von Glück, das du kostbar in Händen hältst. Allein.

Lass uns ausbrechen.

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Wie kann das sein?
Eigentlich dachte ich, dass ich über den Punkt hinaus bin, dass mir jemand wieder Schmerzen zufügen kann. Viel habe ich an mir gearbeitet, reflektiert, Zeit verstreichen lassen, um letztlich zu spüren, dass die beste Theorie gegen die Praxis verliert. Lange habe ich darüber nachgedacht und es ist so, dass ich es bin, die dafür sorgt. Niemand anderem ist die Verantwortung zu übertragen. Durch mein Handeln, mein Nichttun, meine Ungeduld und mein ständiges Grübeln über alles mögliche und überstürzte Worte und Taten. Vieles geschieht nur in meinen Gedanken, was mich verletzt. Und so gelangt das Negative in mein Umfeld, bestimmt mich, lähmt mich und lässt mich davon laufen. Dabei wäre das, was ich mir wünsche so einfach, wenn ich nur innehalten würde. Vielleicht zu einfach, als dass ich es mir für mich vorstellen kann.

Ach, wenn ich dich nur wissen lassen könnte, wie ich fühle, wie es dazu kam, dass ich so handelte, wie ich handelte. Wie es kommt, dass ich mich so widersprüchlich verhalte. Ich kann es selber kaum verstehen, wie kann ich da hoffen, dass es jemand anderes versteht? Du sagtest einmal, dass jedes Wort den Zauber zerstören kann. Ja, so ist es. Ich zerstöre langsam das, was ich liebe. Dich, mich, uns – die Leichtigkeit des Lebens, des Seins und des Zusammenseins. Den Austausch belaste ich mit Dingen, die da nichts verloren haben, wo man unbefangen sein sollte. Ich glaube es ist die Distanz. Vielleicht wäre alles einfacher, wenn ich dich ansehen könnte, du in mir lesen könntest, ohne dass ich Worte benutze. Dort, wo ich einfach schweigen kann, nahe sein darf, mich nicht erklären muss, berühren darf. Diese Erklärungen versuchen eine Brücke zu bauen zwischen uns, doch ernte ich zurecht Schweigen. Ich glaube sogar, dass ich lernen muss damit umzugehen. Das Schweigen ist nicht so schlimm, wie ich es mir vorstelle. Nur weil ich in der Vergangenheit oft Schweigen geerntet habe bedeutet es nicht, dass jedes Schweigen Teufelswerk ist. Unser Schweigen ist vielleicht der Schlüssel, den ich brauche um diese Bastion zu durchbrechen, Geduld wachsen zu lassen, wo Ungeduld Widerstände baut. Ja, ich glaube, dass es so ist. Du bist kein Mensch, den man drängen darf – im Grunde weiß ich das. Ich würde das für mich auch nicht wollen und doch tue ich es. Tu ich es? Und es gibt nichts, was das entschuldigen könnte, außer vielleicht die Sehnsucht, die mir Fallen stellt. Ich tappe hinein wie eine Blinde, die innerlich eigentlich sehen kann. Ich verstehe mich selber nicht mehr.

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