Donnerstag, 12. August 2010
Der Traum
I.

Wolken jagen über den Himmel. Grau senkt sich die Dunkelheit über den Wald. In der Ferne ein Donnergrollen. Das Raunen der fast blattlosen Bäume lässt die sich auf uns senkende Nacht bedrohlich wirken.

Nackt liegen wir da. Wir haben uns geliebt. Am Schweiß haften braune Blätter. Der stärker werdende Wind lässt uns frieren. Das Schweigen schmerzt. Fragend hebt sich meine Hand wie einen Schatten. Ich berühre deine Brust, deine Haut ist kalt. Gerne würde ich dich wärmen, doch das Schweigen ist eine Grenze, über die ich nicht gehen kann. Mein Herz zieht sich zusammen, wird heiß.

Deine Stimme hebt sich wie ein Flüstern gegen den Wind.

„Ich habe einen Platz, zu dem ich gehe, wenn ich Angst davor habe, verletzt zu werden.“ Dein Blick senkt sich in meine Augen. Blau in blau. Sehnsüchtig und schwer.

Ich nicke sanft.

„Ich nenne ihn mein Schneckenhaus. Dort bin ich sicher.“ Das Blau wird leer. Ich verliere den Blick, der in den nunmehr dunklen Himmel starrt. Die Wolken haben sich zu schwarzen Gebirgen aufgetürmt. Der Donner kommt näher, laut peitscht der Wind. Die Schatten der winkenden Äste wandern über unsere Seelen.

„Doch es ist so kalt dort.“ Ein donnernder Blitz taucht uns in grelles Licht. Die Schatten werden für den Bruchteil einer Sekunde aufgehoben. Tränen auf deinen Wangen.

Du drehst dich von mir weg, ich verliere die Verbindung. Die Arme um mich schlingend kriecht die Kälte mir unter die Haut, direkt in mein Herz.

Schwere Tropfen fallen. Der Wind peitscht das stärker werdende Wasser auf meinen Leib, der schutzlos ausgeliefert ist. Ich spüre den Schmerz nicht und schließe die Augen. Blätter decken mich zu. Ich falle in tiefen, traumlosen Schlaf.


II.

Ich erwache. Der Sturm hat sich verzogen. Noch ehe ich die Augen öffne weiß ich, dass du nicht mehr da bist. Ich erhebe mich und mache mich auf die Suche. Tastend bahne ich mich durch die Dunkelheit. Wo bist du?

In der Ferne ein dumpfes Licht. Ich werde schneller, fange an zu laufen. Dornen ritzen meine nackte Haut. Meine Sehnsucht treibt mich, will dich finden. Ich habe die Orientierung verloren, bleibe stehen und lausche. Raschelnde Tiere im Gestrüpp, mein wilder Atem. Ansonsten völlige Ruhe. Erschöpft schlinge ich die Arme um meinen Körper, kauere mich nieder. Verzweifelt irren meine Blicke umher. Ich kann das Licht nicht mehr sehen. Wohin soll ich gehen?

Plötzlich wieder Kraft, die Energie der Hoffnungslosigkeit treibt mich weiter. Meine Fußsohlen tappen wund über den Waldboden. Steine, Geäst und Dornen. Feuchter Schlamm zwischen meinen Zehen. Plötzlich das Licht, näher als zuvor. Dort werde ich dich finden.

Von weitem sehe ich ein Haus. Eine Fackel zeigt den Weg. Die Ränder des Daches berühren fast den Boden. Ich bahne mir keuchend einen Weg. Falle. Stehe wieder auf. Laufe weiter.


III.

Vor der Fackel bleibe ich stehen. Im Schein der Flammen schaue ich mich an. Schlamm überall. Kratzer und Wunden. Rote Blutperlen laufen hinab. Der Schmerz aber ist nur in meinem Herzen. Mein Blick folgt den Spuren am Boden. Ich folge ihnen und stehe vor der Tür. Ich will sie öffnen, sie hat keine Klinke, nur ein Schlüsselloch. Sie bewegt sich nicht. Ich klopfe.

Keine Reaktion. Mein Ohr am Holz lauscht. Ich höre nichts. Mit der Faust schlage ich auf die Tür ein. Endlich mit beiden Fäusten. Wut kriecht in meinen Kopf. Von Sinnen fange ich an zu schreien, bis ich heiser bin. Laute entweichen meiner Kehle, die an ein waidwundes Tier erinnern. Die Wut geht. Schluchzend breche ich zusammen, doch ich habe keine Tränen.

Dann Stille. Benommen, mit wunden Händen bahne ich mir einen Weg um das Haus. Da. Ein Fenster. Ich muss auf die Knie gehen um hinein zu schauen. Zusammengesunken sitzt du da. Meine Anwesenheit spürend hebst du den Kopf. Unsere Blicke treffen sich. Ich lege meine Hände auf das kühle Glas.

Lange Zeit vergeht bis du dich erhebst und mir gegenüber trittst. Dein Mund formt Worte, die ich nicht verstehen kann. Kein Laut trifft meine Ohren. Ich schüttele den Kopf. Du schweigst und gehst auf die Knie. Deine Hände heben sich und legen sich auf die Scheibe. Ich kann deine Wärme spüren. Nah und doch so fern. Unsere Augen versinken ineinander. Kurz habe ich das Gefühl, dass ich dich erreiche.

Lautlos formt mein Mund: „Ich kann den Schlüssel nicht finden.“

Dein Blick wird traurig und leer. „Ich habe ihn verloren“, lese ich von deinen Lippen ab. Deine Hände verlassen mich. Du wendest dich ab und sinkst wieder zusammen.

Lange schaue ich dich an. Wie tot liegst du da. Endlich wende ich mich ab. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und heule wie eine Wölfin. Mein Herz krampft sich zusammen, wird kalt und zerspringt in tausend Stücke. Tränen vermischen sich mit Blut.

Ein neues Leben hat begonnen…

... comment